Der Kolonialstein

Auf dem Parkplatz vor dem Völkerschlachtdenkmal lohnt sich ein Blick in die Grünanlage rechterhand. Ein bisschen zugewachsen steht dort ein eher unscheinbarer Findling. Wenn man sich den Stein genauer ansieht, kann man Spuren einer entfernten Inschrift erahnen. Bei einem Blick in alte Zeitungen zeigt sich hingegen ein anderes Bild. Dort stehen am 4.12.1932 die ehemaligen Kolonialkrieger und Schutztruppensoldaten um den Stein mit seiner damaligen Inschrift „Deutsche Gedenkt Eurer Kolonien“ und gedenken ihrer gefallenen Kameraden. 

Eigentlich sollte statt des Steins schon 1909 ein großes „Landes-Kolonial-Kriegerdenkmal“ für die in den verschiedenen Kolonialkriegen gefallenen Soldaten errichtet werden. Dies plante zumindest der Königlich-Sächsische Militärverein China- und Afrikakämpfer. Aufgrund interner Unstimmigkeiten zogen sich die Vorbereitungen jedoch lange Jahre hin und erst 1914 bekam der Leipziger Bildhauer Georg Huth den Auftrag das achteinhalb Meter hohe Denkmal zu errichten. Da jedoch der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Gelder nun anderweitig benötigt und so blieb es bei dem Entwurf. Das Deutsche Reich besaß nach diesem Krieg keine Kolonien mehr, und so bekam das schließlich errichtete Denkmal, der Kolonialstein, eine andere Bedeutung. Statt der verlorenen Soldaten wurde nun der verlorenen Kolonien gedacht. Der Stein war somit Ausdruck für die propagandistischen Bestrebungen des Kolonialrevisionismus, eine politische Strömung, die zwischen den Weltkriegen eine wichtige Rolle im Deutschen Reich spielte.

Die unkommentierte Tilgung der Inschrift steht wiederum exemplarisch für den Umgang der DDR mit der kolonialen Geschichte und deren Hinterlassenschaften. Anders als im Westen blieben die kolonialen Denkmale und Straßennamen nicht einfach unkommentiert im Stadtbild erhalten. Es fand jedoch auch keine öffentliche Auseinandersetzung oder Umwidmung der Denkmale statt. Inwieweit diese Geschichtspolitik der kritischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus dienlich ist als das einfache Nichtstun der westdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit, ließe sich diskutieren.

 

 Kolonialpost 1933, S.18.

 Leipziger Zeitung vom 28.4.1914.

 Zeller, Joachim: A Colonial Monument? in Adam Jones (Hg.): Africa in Leipzig. A City Looks at a  Continent 1730-1950, Leipzig 2000, S. 11.

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