Eine Einleitung

Nach wie vor ist die Meinung weitverbreitet, dass es zum Thema Deutschland und Kolonialismus nicht viel zu sagen gibt: Deutschland hatte nur wenige Kolonien und die auch nur kurze Zeit. Selbst ist es auch nie Kolonie gewesen. Dies wird selten ausgesprochen – selbstverständlich nicht. Wie hätte ein europäisches Land auch kolonialisiert werden sollen? Dann folgt in der Regel der Verweis auf Frankreich und Großbritannien. Die hatten viel mehr und viel länger Kolonien. 
Wenn Deutschland schon nicht viel mit Kolonialismus zu tun hat – wie soll es dann erst mit Leipzig aussehen? Eine größere Stadt im Osten, weit weg vom Meer? So in etwa würde wohl die Antwort ausfallen, wenn man Passanten auf der Straße befragt.

Wir sind anderer Meinung: Der Kolonialismus ist eine entscheidende historische Epoche mit weltweit sichtbaren Folgen. Sie reichen bis in der Gegenwart und nach Leipzig. Dies gilt einerseits für Machtverhältnisse, ökonomische, politische und soziale Ungleichheiten (nach wie vor ist die Unterscheidung zwischen der sogenannten ersten und dritten Welt aktuell). Andererseits aber auch für Denkweisen und Identitäten. Um beim Beispiel zu bleiben: Wer ist wohl die erste Welt?

„Kolonialismus in Deutschland“ ist ein Thema zu dem es einiges zu sagen gibt. Einerseits gab es deutsche Kolonien, die Schutzgebiete genannt wurden  sowie zahlreiche konkrete wirtschaftliche, politische und soziale Verbindungen in die „kolonisierten“ Gebiete. Die etwa 30 Jahre kolonialer Herrschaft vor allem in Afrika waren relativ kurz aber intensiv und erfuhren mit der blutigen Niederschlagung des Herero-Aufstandes und des Maja-Maji-Aufstandes grausame Höhe-/Tiefpunkte. Bedenkt man zusätzlich die gesellschaftlichen Debatten und politischen sowie militärischen Bestrebungen, die der tatsächlichen Machtausübung vorangingen und ihr nach dem Verlust der Kolonien 1918 folgten, dehnt sich der zeitliche Rahmen intensiver Beschäftigung mit diesem Thema weit über ein halbes Jahrhundert aus und umfasst alle wesentlichen Bereiche der Gesellschaft (u.a. Politik, Gesetzgebung, Wirtschaft, Bildung, Militär, Kirche, Vereine, Unterhaltung).
Im Zuge der Kolonialisierungen hat sich im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Selbst- und ein Fremdverständnis herausgebildet, das nach wie vor wirksam ist. Es entstand die Gruppe der Kolonialisierer: europäische Staaten sich gegenseitig anerkannten und 1884/85 im Rahmen der eigens zu diesem Zweck einberufenen Kongokonferenz besprahcen, wie sie den Rest der Welt, die Kolonisierten, untereinander aufteilen können. Mitspracherecht hatten dabei nur sie selbst. Die Welt jenseits Europas war scheinbar leer und wartete nur auf die europäischen Inbesitznahme. Diese Sichtweise wurde dekoriert mit Bildern armseliger Stammeshütten, hilfsbedürftig-primitiv-rückständig-emotionaler-heidnischer Schwarzer, weiten Savannen, Ursprünglichkeit, Wildheit, Abenteuer und Exotik. Die Bilder sind alt aber mit einigen leichten Verschiebungen (damals gab es noch kein AIDS) nach wie vor geläufig. Interessant ist, dass sie nicht nur etwas über den Anderen sagen, sondern auch über das Selbst: Wenn es in Afrika so ist und die Afrikaner so sind – wie ist es dann hier und wie sind wir? Modern, zivilisiert, entwickelt, reflektiert, aber auch (mit einer sehnsüchtig selbstkritischen Note) sachlich, bequem, verweichlicht.

Die Seite bezieht sich im Wesentlichen auf Leipzig. Es sollen Orte, Ereignisse und Personen vorgestellt werden, die mit dem Kolonialismus eng zusammenhängen und hier lokalisiert sind. Dabei ist das Spektrum breit: Wirtschaft, Handel und Messen, Kultur, Wissenschaft, Alltag, Politik – oder, um einige konkreten Namen zu nehmen: Baumwollspinnerei, Klara-Zetkin-Park, Cafe Riquete, Leipziger Zoo, Stadtbibliothek, Kristallpalast oder der Kolonialstein am Völkerschlachtsdenkmal…

Wir wünschen viel Spass beim Lesen und erkunden und freuen uns sehr über Anregungen und Kritiken…

 

Eine Antwort zu „Eine Einleitung“

  1. Mr WordPress sagt:

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