Der Kolonialstein

Mai 30, 2008

Auf dem Parkplatz vor dem Völkerschlachtdenkmal lohnt sich ein Blick in die Grünanlage rechterhand. Ein bisschen zugewachsen steht dort ein eher unscheinbarer Findling. Wenn man sich den Stein genauer ansieht, kann man Spuren einer entfernten Inschrift erahnen. Bei einem Blick in alte Zeitungen zeigt sich hingegen ein anderes Bild. Dort stehen am 4.12.1932 die ehemaligen Kolonialkrieger und Schutztruppensoldaten um den Stein mit seiner damaligen Inschrift „Deutsche Gedenkt Eurer Kolonien“ und gedenken ihrer gefallenen Kameraden. 

Eigentlich sollte statt des Steins schon 1909 ein großes „Landes-Kolonial-Kriegerdenkmal“ für die in den verschiedenen Kolonialkriegen gefallenen Soldaten errichtet werden. Dies plante zumindest der Königlich-Sächsische Militärverein China- und Afrikakämpfer. Aufgrund interner Unstimmigkeiten zogen sich die Vorbereitungen jedoch lange Jahre hin und erst 1914 bekam der Leipziger Bildhauer Georg Huth den Auftrag das achteinhalb Meter hohe Denkmal zu errichten. Da jedoch der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Gelder nun anderweitig benötigt und so blieb es bei dem Entwurf. Das Deutsche Reich besaß nach diesem Krieg keine Kolonien mehr, und so bekam das schließlich errichtete Denkmal, der Kolonialstein, eine andere Bedeutung. Statt der verlorenen Soldaten wurde nun der verlorenen Kolonien gedacht. Der Stein war somit Ausdruck für die propagandistischen Bestrebungen des Kolonialrevisionismus, eine politische Strömung, die zwischen den Weltkriegen eine wichtige Rolle im Deutschen Reich spielte.

Die unkommentierte Tilgung der Inschrift steht wiederum exemplarisch für den Umgang der DDR mit der kolonialen Geschichte und deren Hinterlassenschaften. Anders als im Westen blieben die kolonialen Denkmale und Straßennamen nicht einfach unkommentiert im Stadtbild erhalten. Es fand jedoch auch keine öffentliche Auseinandersetzung oder Umwidmung der Denkmale statt. Inwieweit diese Geschichtspolitik der kritischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus dienlich ist als das einfache Nichtstun der westdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit, ließe sich diskutieren.

 

 Kolonialpost 1933, S.18.

 Leipziger Zeitung vom 28.4.1914.

 Zeller, Joachim: A Colonial Monument? in Adam Jones (Hg.): Africa in Leipzig. A City Looks at a  Continent 1730-1950, Leipzig 2000, S. 11.

Advertisements

Die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung 1897

Mai 30, 2008

Im Clara-Zetkin-Park dürften die meisten Einwohner der Stadt schon einen Teil ihrer Freizeit verbracht haben. Wie der Park entstand und was das alles mit dem deutschen Kolonialismus zu tun hat, ist hingegen weniger bekannt. 

Die Entstehung des Parks geht zurück auf die Sächsisch-Thüringische Gewerbeausstellung, die im Sommer 1897 auf diesem Gelände stattfand. Interessant wird diese Ausstellung durch die darin enthaltene Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung. Diese Kolonialausstellung wurde von Leutnant a. D. Kurt Blümcke konzipiert, der vorher unter Gouverneur Hermann von Wissmann in der „Schutztruppe“ in Deutsch-Ostafrika diente und sich somit bestens auskannte. 

Erklärtes Ziel der Ausstellung war laut Ausstellungszeitung: „…neben die hoch entwickelte moderne europäische Kultur die eigenartig gestaltete afrikanische, welche die ersten Stufen unseres Kulturlebens etwa erst zu erreichen bestrebt ist, zum Vergleich zu setzen.“ Daneben sollte für die „Koloniale Idee“ in Bevölkerung und Industrie geworben werden. Die mit den Kolonien verbundene Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung zeigt sich auch in der finanziellen Unterstützung der kostspieligen Ausstellung durch Leipziger Unternehmer, Politik und Kolonialvereine.

Um dem Besucher ein eindrucksvolles Bild des Schutzgebietes zu vermitteln wurde kein Aufwand gescheut und auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern mehrere Gebäude nahezu originalgetreu nachgebaut: Zwei Kolonialstationen (Usungula und Mquapua), ein Expeditionslager (das „Wissmannlager“), eine evangelische Missionsstation und die Haupthandels-Straße Barra-Rasta in Dar es Salaam samt Souvenirläden und arabischem Café.

In den Gebäuden war eine Vielzahl von ethnographischen Gegenständen, landestypischen Produkten und Bildern zu besichtigen. Unter anderem auch „einige sehr interessante Stücke aus der Sammlung des Herrn Gouverneur v. Wissmann, von ihm (…) in den Gefechten gegen die Wawamba erbeutet.“

Den besonderen Reiz erhielt die Ausstellung jedoch durch die integrierte Völkerschau. Mit Erlaubnis der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes, und des Gouverneurs Deutsch-Ostafrikas war der Beamte Karl Kaufmann am 27. Dezember 1896 zur Anwerbung von „Eingeborenen“ nach Dar es Salaam abgereist. Am 16. April kam er dann mit einer Gruppe von 47 Einwohnern der Kolonie nach Leipzig zurück.

Wichtig war bei der Auswahl der Völkerschauteilnehmer, dass sie vorher möglichst wenig Kontakt mit Europäern hatten. Der Auftrag an Kaufmann war: „… Vertreter der innerafrikanischen Stämme zu gewinnen, da die Suaheli als etwas Bekanntes – wie viele Suaheli-Karawanen gab es in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zu sehen! – niemals die Anziehungskraft ausüben konnten, wie Repräsentanten anderer Stämme.“ Besonders spannend wurde die ganze Sache noch durch Gerüchte, dass Angehörige der Wadoe Kannibalen seien. So schrieb die Ausstellungszeitung: „…Wadoe, ein Volksstamm, der sich durch Schönheit auszeichnet und besonders dadurch interessant ist, dass von ihm das Gerücht geht, dass bei besonderen Festlichkeiten dort Menschen verspeist wurden, und dass auch drei Matrosen von Sr. Majestät Schiff „Leipzig“, die sich im Jahre 1888 zur Zeit des Buschiri-Aufstandes vom Schiffe entfernten, von ihnen verspeist sein sollen. Herrn Kaufmann gaben die Leute auf sein Befragen die Erklärung ab, dass sie früher Menschen gegessen hätten, der drei Matrosen könnten sie sich aber nicht entsinnen.“

Neben dem Nervenkitzel, der mit diesen Berichten erzeugt werden sollte, dient der Kannibalismus-Vorwurf auch immer wieder um „die Anderen“ als nicht-ganz- menschlich zu markieren. In den Berichten der Ausstellungszeitung wurden die Völkerschauteilnehmer demzufolge oftmals ähnlich Tieren oder Kindern beschrieben. So „vertrieben sie sich die Zeit mit Essen, Trinken, Tanzen und Schlafen“ „fühlen sich (…) behaglich“ „in dem für sie bestimmten Hause“, sind „immer sehr freundlich“ und zeigen nicht die geringste „Zudringlichkeit“. 

All diese entmenschlichenden Beschreibungen dienen dabei immer auch der rassistischen Ideologie des Kolonialismus mit der die Herrschaft über die Kolonisierten begründet wurde.

Trotz der angeblich guten Behandlung und der medizinischen Betreuung starb ein junger Angehöriger der Wassukuma kurz nach Eröffnung der Ausstellung an einer Lungenentzündung und wurde auf dem Leipziger Südfriedhof beigesetzt. In den letzten Ausgaben der Ausstellungszeitung wurden die Berichte über die Völkerschau spärlicher. Der Reiz der Exoten schien nachgelassen zu haben. Über das weitere Schicksal der 47 Männer, Frauen und Kinder ist mir nichts weiter bekannt.

Gerade in einer Zeit, in der es noch kein Fernsehen gab und Reisen ein Privileg weniger war, sollte die Wirkung von Kolonialausstellungen auf die öffentliche Meinungsbildung nicht zu gering geschätzt werden. Die Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung mit seiner Zeitung und 635.000 Besuchern war, nach der ersten Kolonialausstellung im Vorjahr in Berlin, eine der größeren ihrer Art.

 Ausstellungszeitung der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 (nachfolgend Ausstellungszeitung) vom 29.4.1897. Zur Begleitung der Ausstellung erschien anfangs wöchentlich und später täglich eine Ausstellungszeitung mit Hintergrundberichten über die verschiedenen Teilbereiche und Informationen rund um das aktuelle Geschehen.

 

Blümcke, Kurt: Deutsch-Ostafrikanische Ausstellung. Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbe-Ausstellung Leipzig 1897. Offizieller Führer, Leipzig 1897. S. 5.

Ebd. S. 23.

Ausstellungszeitung vom 29.5.1897.

Ausstellungszeitung vom 12.4.1897.

Alle Zitate Ausstellungszeitung vom 21.4.1897.

Ausstellungszeitung vom 5.5.1897.

Hochmuth, Enrico: Von der Dschungelhütte zum Glashaus. Was die Parkgaststätte im Clara-Zetkin-Park mit einer Kolonialausstellung verbindet, in: Leipziger Blätter, Heft 39, Leipzig 2001, S.29-31.


Eine Einleitung

Mai 30, 2008

Nach wie vor ist die Meinung weitverbreitet, dass es zum Thema Deutschland und Kolonialismus nicht viel zu sagen gibt: Deutschland hatte nur wenige Kolonien und die auch nur kurze Zeit. Selbst ist es auch nie Kolonie gewesen. Dies wird selten ausgesprochen – selbstverständlich nicht. Wie hätte ein europäisches Land auch kolonialisiert werden sollen? Dann folgt in der Regel der Verweis auf Frankreich und Großbritannien. Die hatten viel mehr und viel länger Kolonien. 
Wenn Deutschland schon nicht viel mit Kolonialismus zu tun hat – wie soll es dann erst mit Leipzig aussehen? Eine größere Stadt im Osten, weit weg vom Meer? So in etwa würde wohl die Antwort ausfallen, wenn man Passanten auf der Straße befragt.

Wir sind anderer Meinung: Der Kolonialismus ist eine entscheidende historische Epoche mit weltweit sichtbaren Folgen. Sie reichen bis in der Gegenwart und nach Leipzig. Dies gilt einerseits für Machtverhältnisse, ökonomische, politische und soziale Ungleichheiten (nach wie vor ist die Unterscheidung zwischen der sogenannten ersten und dritten Welt aktuell). Andererseits aber auch für Denkweisen und Identitäten. Um beim Beispiel zu bleiben: Wer ist wohl die erste Welt?

„Kolonialismus in Deutschland“ ist ein Thema zu dem es einiges zu sagen gibt. Einerseits gab es deutsche Kolonien, die Schutzgebiete genannt wurden  sowie zahlreiche konkrete wirtschaftliche, politische und soziale Verbindungen in die „kolonisierten“ Gebiete. Die etwa 30 Jahre kolonialer Herrschaft vor allem in Afrika waren relativ kurz aber intensiv und erfuhren mit der blutigen Niederschlagung des Herero-Aufstandes und des Maja-Maji-Aufstandes grausame Höhe-/Tiefpunkte. Bedenkt man zusätzlich die gesellschaftlichen Debatten und politischen sowie militärischen Bestrebungen, die der tatsächlichen Machtausübung vorangingen und ihr nach dem Verlust der Kolonien 1918 folgten, dehnt sich der zeitliche Rahmen intensiver Beschäftigung mit diesem Thema weit über ein halbes Jahrhundert aus und umfasst alle wesentlichen Bereiche der Gesellschaft (u.a. Politik, Gesetzgebung, Wirtschaft, Bildung, Militär, Kirche, Vereine, Unterhaltung).
Im Zuge der Kolonialisierungen hat sich im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Selbst- und ein Fremdverständnis herausgebildet, das nach wie vor wirksam ist. Es entstand die Gruppe der Kolonialisierer: europäische Staaten sich gegenseitig anerkannten und 1884/85 im Rahmen der eigens zu diesem Zweck einberufenen Kongokonferenz besprahcen, wie sie den Rest der Welt, die Kolonisierten, untereinander aufteilen können. Mitspracherecht hatten dabei nur sie selbst. Die Welt jenseits Europas war scheinbar leer und wartete nur auf die europäischen Inbesitznahme. Diese Sichtweise wurde dekoriert mit Bildern armseliger Stammeshütten, hilfsbedürftig-primitiv-rückständig-emotionaler-heidnischer Schwarzer, weiten Savannen, Ursprünglichkeit, Wildheit, Abenteuer und Exotik. Die Bilder sind alt aber mit einigen leichten Verschiebungen (damals gab es noch kein AIDS) nach wie vor geläufig. Interessant ist, dass sie nicht nur etwas über den Anderen sagen, sondern auch über das Selbst: Wenn es in Afrika so ist und die Afrikaner so sind – wie ist es dann hier und wie sind wir? Modern, zivilisiert, entwickelt, reflektiert, aber auch (mit einer sehnsüchtig selbstkritischen Note) sachlich, bequem, verweichlicht.

Die Seite bezieht sich im Wesentlichen auf Leipzig. Es sollen Orte, Ereignisse und Personen vorgestellt werden, die mit dem Kolonialismus eng zusammenhängen und hier lokalisiert sind. Dabei ist das Spektrum breit: Wirtschaft, Handel und Messen, Kultur, Wissenschaft, Alltag, Politik – oder, um einige konkreten Namen zu nehmen: Baumwollspinnerei, Klara-Zetkin-Park, Cafe Riquete, Leipziger Zoo, Stadtbibliothek, Kristallpalast oder der Kolonialstein am Völkerschlachtsdenkmal…

Wir wünschen viel Spass beim Lesen und erkunden und freuen uns sehr über Anregungen und Kritiken…